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Sakerfalke — ein Greifvogel der österreichischen Agrarsteppe

Saker

Der Sakerfalke ist eine paläarktische Greifvogelart, die von Mitteleuropa bis in die Mongolei verbreitet ist. Im Nordosten Österreichs erreicht diese bedrohte Spezies ihre westlichste Verbreitungsgrenze. Die österreichische Population umfasst etwa 20-25 Paare. Als Brutvogel ist dieser Großfalke auf den pannonischen Raum Niederösterreichs, Wiens und des nördlichen Burgenlandes beschränkt. Die Eiablage erfolgt zumeist ab Mitte März, flügge Jungvögel sind ab Mitte Juni zu beobachten. Die Zugbewegungen und Aufenthaltsorte der Jungvögel bis zu ihrer Brutansiedlung sind bislang unbekannt.

Bevorzugte Lebensräume sind halboffene Agrarsteppen mit Windschutzstreifen und eingestreuten Waldinseln. Aber auch die Nähe zu menschlichen Siedlungen wird nicht gescheut. Selbst im Einzugsgebiet der Großstadt Wien brüten einige Paare. Über die Nutzung der Großstadt Wien als Nahrungs- und Brutgebiet gibt es bislang nur lückenhafte Beobachtungen. Sakerfalken bauen keine eigenen Nester. Zum Brüten benutzen sie die Nistunterlagen anderer Vogelarten (Krähen, Greifvögel, Graureiher) auf Hochspannungsmasten, Bäumen und Felsen.

Saker

Sakerfalken jagen bevorzugt mittelgroße Vögel (vor allem Tauben, jedoch auch Stare, Drosseln usw.) und Nagetiere (Ziesel, Wühlmäuse). Um die innerartliche Konkurrenz zu minimieren, weist der Sakerfalke einen auffälligen Geschlechtsdimorphismus auf, bei dem die Männchen deutlich kleiner und leichter (730-950 g) sind als die Weibchen (970-1300 g).

Saker

Mit etwa 450 Paaren zählt der Sakerfalke zu den bedrohtesten Vogelarten Europas. Obwohl die europäische Population einen weitgehend positiven Bestandstrend aufweist, wird die Art aufgrund des drastischen globalen Rückgangs auf nur noch 7200-8400 Paare weltweit von BirdLife International als "endangered" eingestuft. Zu den spezifischen Rückgangsursachen zählen menschliche Verfolgung und Lebensraumveränderungen. In neuerer Zeit ist das Risiko der genetischen Introgression aufgrund von in Gefangenschaft gezüchteten und freigekommenen Hybridfalken hinzugekommen, da sich diese mit den Sakerfalken problemlos fortpflanzen können.

In Österreich wird diese Art auf der Roten-Liste als "vom Aussterben bedroht" [Stufe 1] geführt. Zudem ist der Sakerfalke eine SPEC 3 Art (Species of European Conservation Concern) und unterliegt als wandernde Vogelart der Bonner Convention.

Saker Saker

In der Greifvogelpflege- und Auffangstation der Stadt Wien (GVZ-Lobau), werden ehemals verletzte und verunglückte Falken gepflegt, die nicht mehr in die Freiheit entlassen werden können. Diese pflanzen sich seit einigen Jahren regelmäßig fort. Jungvögel aus dieser Zucht werden seit dem Jahr 2006 Nahe dem Nationalpark Donau-Auen erfolgreich ausgewildert. Die Betreiber dieser Pflegestation, R. Dosedel und A. Kummer, stellen diese Vögel für diese Untersuchung freundlicher Weise zur Verfügung.


Fragestellung

Wir erwarten uns, mit Hilfe der besenderten Falken schutzrelevante Fragen beantworten zu können.

Zur Beantwortung dieser Fragen werden in Gefangenschaft gezüchtete Sakerfalken herangezogen. Der Freilassungsort liegt in der Lobau, an der Grenze zum Nationalpark Donau-Auen. Die Lobau ist als historischer Brutplatz letztmals 1999 dokumentiert und nur wenige Kilometer von wilden Sakerfalkenpaaren entfernt.



Besenderung 2010

Roberta

Lamonica
Roberta
   weiblich
   Jungvogel
 
PTT Code
   93401 (Microwave)
 
Besendert
   am 14. Juni 2010
google earth 93401
Lamonica

Sakerfalke Roberta, benannt nach Robert Dosedel, dem Leiter der Greifvogelstation GVZ-Lobau.



Besenderung 2009


Lamonica

Lamonica
Lamonica
   weiblich
   Jungvogel
 
PTT Code
   93397 (Microwave)
 
Besendert
   am 16. Juni 2009
google earth 93397
Lamonica

Die Schülerinnen und Schüler der M2 der GTVS, Landstraßer Hauptstraße 146, 1930 Wien, gaben dem dunkleren Falken den Namen "Lamonica" (Paula Bessenyei, Jakob Bierbaumer, Lena Eschner, Emil Rossa, Jakob Scheidl, Jana Schöffmann, Magdalena Stelzer, Hannah Tertsch und Lina Volf hier mit Anita Gamauf in der Schausammlung des Naturhistorischen Museums Wien).



Eva

Eva
Eva
   weiblich
   Jungvogel
 
PTT Code
   93398 (Microwave)
 
Besendert
   am 16. Juni 2009
google earth 93398

Die Projektpartner der GVZ übernahmen die zweite Patenschaft. Sie nannten den helleren Falken "Eva" nach Eva Dosedel, der Frau des Stationsleiters.


News, aktuelle Ergebnisse

Roberta (93401)

2010

Juli: nach einer eintägigen Pause fliegt sie zielstrebig in Richtung Norden. Westlich von Ostrawa wird nach insgesamt 71 Ortungen das letzte Signal empfangen. Die Nachsuche tschechischer Kollegen bleibt erfolglos.

Juni: Im Alter von 45 Tagen wird Roberta besendert und auf die Freilassung vorbereitet. Am 28. Juni verläßt sie den Auswilderungsort und erkundet die nähere Umgebung im Radius von etwa 15km. Bereits am 30. Juni macht sie einen längeren Ausflug in die W-Slowakei. Interessanter Weise hielten sich auch Lamonica und Eva, die beiden im Vorjahr besenderten Sakerfalken, in diesem Gebiet auf. Bei prächtigem Wetter zieht sie eine weite Runde über die W-Slowakei, O-Österreich bis nach Slowenien und über W-Ungarn wieder zurück an den Ausgangspunkt.

Lamonica (93397)

2010

Jänner: Die Wahrscheinlichkeit verdichtet sich, dass es sich bei dem weiblichen Jungsaker aus dem Raum Siracusa um Lamonica handelt. Der bekannte italienische Ornithologe Andrea Corso gibt Nachricht von mehrfachen Beobachtungen eines besenderten Jungsakers, der zu keinem ihm bekannten Satellitentelemetrie-Projekt gehört.

2009

Dezember: Beobachtung eines besenderten Jungsakers in der Umgebung von Siracusa (Sizilien) geben Hoffnung, dass es sich um Lamonica handelt und dass der Sendeausfall auf einen technischen Defekt zurückzuführen ist.

November: Trotz sofortiger Kontaktaufnahme mit italienischen Kollegen, bleibt Lamonica unauffindbar.

Oktober: In der ersten Oktoberhälfte ist sie weiterhin umtriebig in ihrer slowakischen Wahlheimat und zeigt keinerlei Zugverhalten. Mit dem plötzlichen Wintereinbruch am 14. Oktober verstreicht sie nach S Ungarn, überquert die Adria und wird seit 19. Oktober in Sizilien geortet. Völlig überraschend kommt das letzte Signal am 22. Oktober, nach knapp 600 Ortungen, aus SW Sizilien.

September: Lamonicas Ausflüge werden ausgedehnter und führen sie nach W Ungarn, ins südliche Tschechien und nach Österreich (Wald- und Mostviertel). Das Kerngebiet liegt aber weiterhin in der SW Slowakei. Bis dato wurden 424 Datensätze empfangen.

August: Sie hält sich nach wie vor in ihrem Lieblingsgebiet auf. Zu Monatsbeginn macht sie an den Vormittagen jeweils kurze sternförmige Ausflüge nach Niederösterreich und ins N Burgenland (Gänserndorf, Siegendorf), nach S und E Tschechien sowie N Ungarn. Dabei legt sie beispielsweise die Strecke von Gänserndorf – N Bratislava in genau 20 Minuten zurück (=111km/h)! Am 14.8.2009 wird sie von den slowakischen Greifvogelexperten Jozef Chavko und Martin Kalavsky bei Dolne Dubove (Trnava district) beobachtet und fotografiert (s.o.).

Juli: Lamonica verlässt den Auswilderungsort in den Vormittagsstunden des 7.Juli. Nach einer längeren Schlechtwetterperiode können ihre Signale nur ungenau geortet werden. Erst Tage später wird sie in der SW Slowakei entdeckt. Für die nächste Zeit hat sie sich den Großraum Hlohovec – Smolenice zur neuen Heimat auserkoren. Leider wurden genau in dieser Region Ende März 2009 Greifvögel in größerer Menge vergiftet (4 Sakerfalken, 29 Mäusebussard, je 1 Rauhfußbussard und ein Turmfalke).

Eva (93398)

Juli: Eva wird am Nachmittag des 6. Juli zuletzt im Bereich der GVZ gesehen. Schlechtwetterbedingt werden auch von ihr mehrere Tage hindurch kaum Daten registriert. Doch dann beginnt sie umtriebig zu werden. So legt sie in 2 Tagen mehr als 700km zurück und fliegt bis in die mittlere Ukraine. Zwei Tage später ist sie in S Polen und bald danach schon in N Polen. Dort hält sie sich eine Weile auf, auch zu der Zeit als über Mittel- und Osteuropa eine heftige Unwetterfront zieht. Von da an werden keine Signale mehr wahrgenommen. Ende Juli wird sie bei Recki in N Polen überfahren aufgefunden, wie das Schreiben eines polischen Ornithologen belegt.


Literatur

Bagyura J., Szitta T., Harszthy L., Demeter I., Sándor I., Dudas M., Kállay G., Viszló L. 2004. Population trend of the Saker Falcon Falco cherrug in Hungary between 1980 and 2002. p 663-772. In: Chancellor R.D. & Meyburg B.-U. eds. Raptors Worldwide. WWGBP/MME, Berlin/Budapest.

Bagyura J., Szitta T., Haraszthy L., Fidlócky J. Prommer M. 2009: Results on saker conservation in Hungary 1980-2006. pp. 749-756. In: J. Sielicki & T. Mizera (eds.) – Peregrine falcon populations: status and perspectives in the 21st century. Turul Press, Warszawa.

Baumgart W. 1991. Der Sakerfalke. Neue Brehm Bücherei, Bd. 514. Ziemsen Verlag, Wittenberg.

Berg H.-M. 2000. Zwischenbericht über die Kartierung des Sakerfalken (Falco cherrug) – Vorkommen in Ostösterreich 1999. Unveröff. Bericht., Wien.

BirdLife International 2009. Saker falcon – fact sheet. http://www.birdlife.org/datazone/species/index.html?action=SpcHTMDetails.asp&sid=3619&m=0

del Hoyo J., Elliot A., Sargatal J. 1994. Handbook of the birds of the world, Vol. 2. Lynx Ediciones, Barcelona.

Frey H., Senn H. 1980. Zur Ernährung des Würgfalken (Falco cherrug) und Wanderfalken (Falco peregrinus) in den niederösterreichischen Kalkvoralpen. Egretta 23: 31-38.

Gamauf, A. (1991) Greifvögel in östereich: Bestand – Bedrohung – Gesetz. Monographien Bd. 29, Umweltbundsamt, Wien.

Horák, P. 2000. Development of Saker Falcon (Falco cherrug) population between 1976-1998 in Moravia (Czech Republic). Buteo 11:57-66. (in Tschechisch mit Englischer Zusammenfassung).

Mebs T., Schmidt D. 2006. Die Greifvögel Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Kosmos, Stuttgart.

Nagy S., Demeter I. 2006. Saker Falco cherrug. European Single Species Action. Plan. Strasbourg.

Nittinger F. 2004. DNA-Analysen zur Populationsstruktur des Sakerfalken (Falco cherrug) und zu seiner systematischen Stellung innerhalb des Hierofalkenkomplexes. PhD thesis, University of Vienna, Austria.

Nittinger F., Gamauf A., Pinsker W., Wink M., Haring E. 2007. Phylogeography and population structure of the saker falcon (Falco cherrug) and the influence of hybridization: mitochondrial and microsatellite data. Molecular Ecology 16: 1497-1517.

Meyburg B.-U., Meyburg C. 2009. Wanderung mit dem Rucksack: Satellitentelemetrie bei Vögeln. Falke 56: 256-263.

Prommer M. Bagyura J. (2009): Dangerous journeys of sakers of the Carpathian basin. Pp. 765-776. In: J. Sielicki & T. Mizera (eds.) – Peregrine falcon populations: status and perspectives in the 21st century. Turul Press, Warszawa.

Wink, M., Staudter, H., Bragin, Y., Pfeffer, R., R. Kenward 1999. The use of DNA fingerprinting to determine annual survival rates in Saker falcons (Falco cherrug). J. Ornith. 140, 481-489, 1999.

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